Wirtschaft 03/2012

Rohstoffe - Langfristige Sicherung

Damit Deutschlands Industrie nicht durch Rohstoffverknappung in Schwierigkeiten gerät, hat die Bundesregierung die Deutsche Rohstoffagentur DERA und das Helmholtz-Institut Freiberg für Ressourcentechnologie HIF ins Leben gerufen. Weitsichtig helfen sie, die Versorgung zu sichern.

 

Erst kürzlich war es wieder in der Tagespresse zu lesen: „China führt weniger Seltene Erden aus.“ Handelte es sich dabei auch nur um eine kleine Meldung, so weist sie doch auf ein großes Problem hin: Die ausreichende Versorgung mit Rohstoffen gestaltet sich für die deutsche Industrie zunehmend schwieriger – vor allem weil sie im Bereich der Metalle und Energierohstoffe hochgradig importabhängig ist. Die Versorgungsschwierigkeiten haben mehrere Gründe: Dass China, das bei vielen strategisch wichtigen Rohstoffen den Markt dominiert, die Exporte bereits seit einiger Zeit drosselt und damit den freien Zugang zu Rohstoffen behindert, ist eben einer von ihnen. Dahinter steckt nicht nur das Kalkül, über eine strategische Verknappung die Preise in die Höhe zu treiben. China als boomendes Schwellenland braucht die Rohstoffe auch selbst, ebenso wie die anderen aufblühenden Schwellenländer. Ihr Rohstoffhunger verschärft den Kampf um die knappen Güter. Nicht zuletzt sorgt auch der steigende Bedarf an neuen Technologien, die ebenfalls spezifischer Rohstoffe bedürfen, dafür, dass die globale Nachfrage und der Wettbewerb unter den Einkäufern größer werden. Dass zudem die Erforschung und Exploration neuer, alternativer Lagerstätten jahrzehntelang und weltweit vernachlässigt wurde, sich die aktiven Lagerstätten somit auf wenige Länder, unter anderem wiederum China, konzentrieren, ist der letzte Grund, der die Versorgungsprobleme erklärt.

Um die deutsche Wirtschaft bei der Rohstoffversorgung zu unterstützen, hat die Bundesregierung mit dem Helmholtz-Institut Freiberg für Ressourcentechnologie (HIF) im sächsischen Freiberg und der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) in Hannover Fakten geschaffen.

Die beiden Institutionen bieten Unternehmen vielfältige Hilfestellungen, wie sie die notwendigen Rohstoffe langfristig sichern. Dabei wird das HIF in Zusammenarbeit mit der Industrie Technologieforschung betreiben. Die DERA steht für umfangreiche Serviceleistungen, informiert und berät zu Themen wie Marktentwicklung, Rohstoffbeschaffung, neue Rohstoffpotenziale, Rohstoffeffizienz, -substitution oder –recycling. „Die Unternehmen sollten die sehr guten Angebote der beiden Institutionen auf jeden Fall nutzen“, empfiehlt Andreas Gruber, Rohstoffexperte der IHK.

Das Helmholtz-Institut Freiberg für Ressourcentechnologie wird vom Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) und der TU Bergakademie Freiberg aufgebaut. Es beginnt mit seiner Forschung ganz am Anfang der Wertschöpfungskette. Das heißt, es begutachtet Rohstofflagerstätten, die Bergbau- oder rohstoffverarbeitende Unternehmen erschließen wollen, wägt ab, ob die Exploration sich bergmännisch realisieren lässt, entwickelt die Technologie, um die Rohstoffe effizient zu gewinnen, und optimiert die metallurgischen Verfahren für die Reinstoffproduktion. Eine zweite Aufgabe, für die das Institut steht, ist das so genannte Urban Mining, also die Rückgewinnung von Rohstoffen aus Elektronik- und anderem Schrott. Ein wichtiger Baustein für die Rohstoffversorgung – zumal beispielsweise in Computern und ihren Bildschirmen eine erhebliche Anzahl seltener Rohstoffe zu finden sind, die sich zurückgewinnen und wieder verwenden lassen. Das HIF hat seine Tätigkeit im August 2011 aufgenommen. Interessierte Unternehmen können das Institut allein oder gemeinsam mit anderen Firmen bezüglich jeder Prozessstufe beauftragen. Nach Abschluss des Institutsaufbaus werden mindestens 55 Mitarbeiter am HIF arbeiten. „Wir verstehen uns als Nukleus, der Hand in Hand mit den Unternehmen die Rohstoffversorgung effizienter und sicherer machen kann“, betont Professor Jens Gutzmer, der Direktor des HIF. „Wir freuen uns, wenn viele Unternehmen auf uns zukommen, und bemühen uns, mit geeigneten Industriepartnern strategische Partnerschaften in der Technologieforschung zu begründen.“

Die seit Oktober 2010 bestehende Deutsche Rohstoffagentur DERA, die bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover angesiedelt ist, setzt diese vier Schwerpunkte: Die Mitarbeiter analysieren erstens kontinuierlich die weltweite Rohstoffsituation, schätzen mögliche Lieferprobleme ein und stellen den Unternehmen diese Informationen zur Verfügung. Zweitens berät die Agentur rohstoffverarbeitende Firmen bei der Anpassung ihrer jeweiligen Rohstoffstrategie. Dabei bewertet sie deren aktuelles Rohstoffportfolio auf seine kritischen Punkte und erarbeitet Empfehlungen zu Einkaufsstrategien, Beteiligungen an internationalen und nationalen Rohstoffprojekten, Materialeffizienz, Rohstoffsubstitution oder Recycling (siehe auch Kasten). Drittens unterstützt sie Bergbauunternehmen beim Screening bereits bestehender oder neu entdeckter Lagerstätten, hilft zu entscheiden, ob die Lagerstätten wirtschaftlich interessant sind, welche Umweltschutzauflagen zu bedenken sind oder ob ausreichend Infrastruktur für die Exploration beziehungsweise den Bergbau vorhanden ist. Viertens kümmert sie sich um die Rohstoffzukunft, indem sie gänzlich neue Versorgungsquellen untersucht und bewertet, wie bisher ungenutzte Wertstoffe in alten Bergbauhalden oder Manganknollenfelder in der Tiefsee des Pazifiks. „Die Manganknollen sind vor allem hinsichtlich ihres Gehaltes an Kupfer, Nickel und Kobalt rohstoffwirtschaftlich interessant“, erläutert Dr. Volker Steinbach, der Leiter der DERA. Er rekapituliert: „Deutschland ist in hohem Maße auf eine sichere Versorgung mit Rohstoffen angewiesen – sowohl für unsere Schlüsseltechnologien als auch für die Entwicklung von Zukunftstechnologien, wie beispielsweise den Ausbau der erneuerbaren Energien oder der Elektromobilität.“ 


 

Gabriele Lüke

 

 

Absicherungsstrategien für Unternehmen

Deutschland verarbeitete im Jahr 2010 Rohstoffe im Wert von 138 Milliarden Euro. Dies umfasst Importe im Wert von 110 Milliarden Euro, heimische Rohstoffgewinnung in Höhe von 18 Milliarden Euro und Recycling in Höhe von rund zehn Milliarden Euro. Die DERA bringt Vorschläge ein, wie Unternehmen ihre Rohstoffversorgung strategisch festigen können und unabhängiger werden. Sie basieren auf folgenden Kernbereichen:

- Materialeffizienz erhöhen

- Rohstoffe substituieren

- Recyclingquote erhöhen und verstärkt Recyclingmaterialien einsetzen

- Wenn möglich, Lagerhaltung durchführen beziehungsweise aufstocken

- Langfristige Lieferverträge mit den Lieferanten schließen

- Lieferquellen diversifizieren (Rohstoffe von unterschiedlichen Lieferanten aus verschiedenen Ländern beziehen, um die Abhängigkeit von einzelnen Ländern oder Firmen zu verringern)

- Einkaufsgemeinschaften bilden, um so beispielsweise auch als kleineres Unternehmen bessere Konditionen bei großen Lieferanten zu bekommen

- Bergbau-/Verarbeitungskapazitäten vorfinanzieren

- Sich direkt an internationalen Bergbauunternehmen oder -projekten beteiligen

 

 

Wirtschaft – Das IHK-Magazin für München und Oberbayern – 03/2012

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