Wirtschaft 02/2012

Entelios AG - Megawatt unter Management

Ein Pool von Unternehmen, bei denen große Stromverbraucher bei Engpässen im Stromnetz kurzfristig abgeschaltet werden, kann ein komplettes Kraftwerk ersetzen. Davon profitiert nicht nur die Umwelt, sondern auch die beteiligten Unternehmen, wie etwa die Münchner Paulaner Brauerei.

 

Dass einst ein anderes Unternehmen Kältekompressoren in den Brauereianlagen und den Lagerkellern ab- und wieder einschalten würde, das hätte sich Johannes Fischer, Hauptabteilungsleiter Energieanlagen und Betriebstechnik bei der Paulaner Brauerei, noch vor einigen Jahren nicht vorstellen können. Doch seit Anfang 2011 passiert genau das: Der Dienstleister Entelios nimmt bei Paulaner und anderen produzierenden Unternehmen in vorab definierten Zeitfenstern große Stromverbraucher vom Netz - und zwar dann, wenn es im Stromnetz zu Spitzenlasten kommt.

„Wir sorgen dafür, dass weder zu wenig noch zu viel Strom im Netz ist“, fasst Entelios-Vorstand Tom Schulz zusammen. Eine höchst sinnvolle Aufgabe: Da unser Stromnetz praktisch keine Speicher hat, muss nämlich in jeder Sekunde exakt so viel Strom erzeugt werden, wie gerade von allen Verbrauchern nachgefragt wird. Die Übertragungsnetzbetreiber, die für das Management des Stromnetzes verantwortlich sind, überwachen das Gleichgewicht zwischen Stromerzeugung und -verbrauch und lösen bei Engpässen die Zuschaltung von Reservekapazitäten aus. Das muss allerdings nicht immer ein Kraftwerk sein. Eine innovative, kostengünstige und umweltschonende Alternative bietet die Steuerung der elektronischen Lasten im Stromnetz nach dem Prinzip „Demand Response“: Die Verbrauchsseite (Demand) antwortetet (Response) dabei auf Anforderungen aus dem Netz, indem bei Spitzenlasten Stromverbraucher vom Netz genommen werden. Sobald sich die Situation entspannt hat, werden sie wieder zugeschaltet. Entelios aggregiert die Abschaltkapazitäten mehrerer Unternehmen in einem Pool und synchronisiert das Verhalten der gepoolten Stromverbraucher mit den Anforderungen des Stromnetzes. Dazu nutzt das Unternehmen intelligente Internet-, Software- und Telekommunikationstechnologie. „Ein Pool mit mehreren hundert Verbrauchern funktioniert quasi wie ein Pumpspeicherkraftwerk“, fasst Tom Schulz zusammen. „Nur eben virtuell und wesentlich kostengünstiger.“

Die Prozesse der Unternehmen im Pool werden dadurch nicht beeinträchtigt. „In einem technischen Workshop ermitteln wir gemeinsam mit einem Unternehmen, welche Stromverbraucher wann, wie oft und wie lange problemlos abgeschaltet werden können“, sagt Schulz. „Dabei beginnen wir in der Regel mit Hilfsprozessen und definieren dann im Laufe der Zusammenarbeit weitere Potenziale.“ Die Bandbreite ist immens: So können manche Anlagen mehrmals täglich für einige Minuten vom Netz genommen werden, andere wiederum dreimal jährlich, dann aber mitunter gleich für einige Stunden.

Bei der Paulaner Brauerei können zum Beispiel die Kältekompressoren zwischen 15 und 30 Minuten abgeschaltet werden, ohne dass es zu einem spürbaren Abfall der Kühltemperaturen kommt. Beim Brauen von Weißbier ist die Kältemaschine ohnehin nicht erforderlich, weil hier die Temperatur des Brunnenwassers mit rund zwölf Grad Celsius niedrig genug ist. „Brauen wir dagegen untergärige Biere wie unser Münchner Helles oder das Paulaner Pils, geben wir deutlich seltener grünes Licht zum Abschalten. Denn bei diesen Biersorten findet die Vergärung bei fünf Grad Celsius statt“, erklärt Johannes Fischer. „Da brauchen wir die Kühlleistung.“ Eine Ausweitung der Spielräume ermöglicht darüber hinaus das Blockheizkraftwerk der Brauerei, das über eine Leistung von 480 KW verfügt. „Schalten wir das Blockheizkraftwerk zu, können wir die fremdbezogene Stromleistung durchaus auch zwei Stunden oder länger reduzieren“, sagt Fischer.

Je größer der Pool der von den Unternehmen zur Verfügung gestellten Abschaltkapazitäten, desto höher der Nutzen für die Netzbetreiber und natürlich auch für die Umwelt. Insbesondere der weitere Ausbau der Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien sorgt für immense Schwankungen im Stromnetz: Wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht bläst, kommt es schnell zu Engpässen. Die rasche Überbrückung dieser Lücken ist jedoch besonders aufwändig. Daher ist Demand Response nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch vorteilhaft - und zwar für alle Seiten: Die Unternehmen im Pool werden von den Übertragungsnetzbetreibern an den Kosteneinsparungen beteiligt. Denn Stromverbraucher kurzfristig vom Netz zu nehmen ist deutlich günstiger als ein komplettes Kraftwerk zuzuschalten.

In Deutschland ist Entelios der erste und bislang einzige Anbieter, der sich auf Demand Response als Geschäftsmodell fokussiert. Die Megawatt-Kapazitäten, die das erst im Jahr 2010 gegründete Unternehmen unter Management hat, bewegen sich laut Schulz im deutlich zweistelligen Bereich, Tendenz stark steigend. In den USA arbeiten bereits sehr Jahren mehrere Demand-Response-Aggregatoren. Dort sind die Stromnetze allerdings auch in einem schlechteren Zustand und daher deutlich häufiger überlastet.

Die Lösung von Entelios ist für produzierende Unternehmen, aber auch für die Betreiber größerer Geschäfts- und Büroimmobilien interessant. Dort lassen sich insbesondere bei Klima-, Lüftungs- und Ventilationsanlagen, bei Pumpen, Beleuchtung, elektrischen Speichern sowie durch Notstromaggregate interessante Potenziale heben - und zwar ohne die Steuerungsziele der Gebäudeautomation zu verändern. Ein Schaltvolumen von 750 Kilowattstunden pro Standort bildet das Minimum für den Einstieg in den Entelios-Pool. „Dieses Potenzial lässt sich allerdings in den allermeisten Fällen problemlos heben“, sagt der Entelios-Vorstand. 

Doch nicht nur von den technischen Möglichkeiten, auch von der Höhe der zusätzlichen Erlöse, die sich allein durch eine intelligente Nutzung oder zeitliche Verschiebungen des Verbrauchs erreichen lassen, sind die Unternehmen laut Schulz immer wieder angenehm überrascht. Die zusätzlichen Erlöse, die sie durch Demand Response erwirtschaften, machen in der Regel zwischen zwei und fünf Prozent ihrer Stromkosten aus. Für Installation und Betrieb dieser Lösungen entstehen den Unternehmen im Pool keinerlei Kosten, und auch der zeitliche Aufwand für die Realisierung hält sich in Grenzen. Bei der Paulaner Brauerei lagen zwischen den ersten Gesprächen und dem Praxisbetrieb zwölf Monate. „Die technische Lösung funktioniert zuverlässig“, lobt Johannes Fischer. „Unsere Prozesse werden nicht gestört. Wir sind zufrieden.“

 

 

Demand Response in fünf Schritten

 

1. Analyse

Gemeinsam mit dem Unternehmen werden geeignete Stromverbraucher und -erzeuger sowie energetisch nutzbare Speicher und Puffer am Standort identifiziert. Dabei wird exakt festgelegt, wann und wie oft die elektrischen Verbraucher geschaltet werden können und die unternehmensspezifische Demand-Response-Strategie für die Vermarktung im Unternehmenspool definiert.

 

2. Installation

Die zur Fernschaltung und zur Messung des Verbrauchsverhaltens erforderlichen technischen Anlagen werden in den zentralen Leitwarten der Unternehmen installiert. Die Kosten für Steuergeräte, Installation und Betreuung übernimmt der Dienstleister.

 

3. Messung

Die Verbrauchsdaten werden gemessen und gemeinsam mit dem Unternehmen analysiert.

 

4. Vermarktung und Optimierung

Die Lastreserven werden innerhalb des Unternehmenspools vermarktet, wobei das Unternehmen im Falle eines Falles die Schaltsignale des Dienstleisters jederzeit überstimmen kann. Darüber hinaus werden sukzessive weitere Potenziale erschlossen.

 

5. Erfolgsbeteiligung

Durch Demand Response wird der Einsatz von Spitzenlastkraftwerken verringert. An den daraus resultierenden Kosteneinsparungen der Übertragungsnetzbetreiber werden die Unternehmen im Pool nach einem vorab definierten Finanzierungsmodell beteiligt.

 

Eva Elisabeth Ernst

 

 

Wirtschaft – Das IHK-Magazin für München und Oberbayern – 02/2012

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