Wirtschaft 02/2004

Demografischer Wandel - Interview mit Prof. Bernd Raffelhüschen

"Ein Land ohne Kinder hat keine Dynamik" - Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen, Mitglied der Rürup-Kommission und anerkannter Demografie-Experte, über Folgen und Ursachen der vergreisenden Bevölkerung Deutschlands.

IHK-Magazin: Die Folgen des demografischen Wandels sind schon seit langem bekannt. Heute bekommen wir sie schon zu spüren. Hat die Politik dieses Problem einfach verschlafen?

Raffelhüschen: Nein, das kann man so nicht sagen. Die Politik hat schon darauf reagiert, aber sie hat nicht stark genug reagiert. Die Dosis der politischen Medikamentenverabreichung war immer zu gering. Nun haben wir bei der unausweichlichen Reform der Sozialsysteme großen Nachholbedarf. Bei der Rentenversicherung werden wir das Versäumte nachholen, bei den anderen Versicherungszweigen fangen wir im Grunde genommen mit den Reformen gerade erst an.

IHK-Magazin: Gibt es zuverlässige Prognosen, welche Folgen die vergreisende und schrumpfende Bevölkerung für Deutschland hat?

Raffelhüschen: Es gibt jede Menge Prognosen. Die Frage ist nur, welche davon eintreten. Mit absoluter Sicherheit wirkt allerdings die Tatsache, dass es in Deutschland in den vergangenen 40 Jahren zu wenig Kinder gegeben hat. Wir haben uns über Jahrzehnte hinweg auf Geburtszahlen beschränkt, die dem Niveau der Bombennächte und der deutschen Hungerjahre im letzten Weltkrieg entsprechen. Ich betone: Das war die Vergangenheit, nicht die Zukunft. Diese Entwicklung können wir nicht mehr rückgängig machen. Das hat irre Konsequenzen. Was das für unsere Generationenverträge in den Sozialversicherungen bedeutet, ist somit auch relativ klar. Wir werden Versorgungsniveaus haben, in denen im Prinzip jeder Erwerbstätige seinen eigenen Rentner kriegt. Dieser Rentner, weil er halt aus biologischen Gründen immer anfälliger für Krankheiten wird, stellt auch deutlich höhere Ansprüche an die Gesundheitsversorgung und wird wahrscheinlich so alt, dass er irgendwann als Pflegefall behandelt werden muss.

IHK-Magazin: Das heißt für uns Erwerbstätige von heute mehr Privatvorsorge, mehr Eigeninitiative, mehr Selbstbeteiligung. Was passiert mit den Bürgern, die sich das nicht leisten können?

Raffelhüschen: Das können nur die nicht, die wirklich arm sind. Nur Armen müssen wir helfen. Alle anderen können und müssen selbst dazu beitragen, ihr derzeitiges Versorgungsniveau auf lange Sicht zu halten. Wir müssen uns von der Illusion verabschieden, wir könnten 40 bis 50 Prozent der deutschen Bevölkerung rein über die Sozialsysteme finanzieren. Das geht einfach nicht. Deshalb müssen wir erstens diese Quote senken. Und wenn wir zweitens den wirklich Bedürftigen helfen wollen, müssen wir vom Rest mehr Eigeninitiative und Eigenbeteiligung verlangen. Konkret: Die heute 30- bis 50-Jährigen müssen sich verstärkt um ihre private Alters-, Gesundheits- und Pflegeversicherung kümmern. Denn alle Versprechen der Generationenverträge sind nicht mehr haltbar. Es sei denn, man nimmt in Kauf, dass unsere Kinder zwei Drittel ihres Gehalts an die Sozialversicherungen abführen.

IHK-Magazin: Ist die schwache Nachfrage nach der Riester-Police ein Indiz dafür, dass die Bürger diese Botschaft noch nicht verstanden haben?

Raffelhüschen: Die Riester-Police ist ein schlechtes Produkt, deshalb läuft sie nicht. Es gibt ein viel besseres Produkt: die Entgeltumwandlung, und die läuft prima. Die private Altersvorsorge wird schon gemacht von einem Großteil der Bevölkerung. Nur eben nicht so, wie sich das mancher Politiker gedacht hat. Wo wir aber wirklich noch einmal richtig neu anfangen müssen, ist in der Kranken- und Pflegeversicherung. Die Bürger haben noch nicht begriffen, dass diese beiden Dinge ebenfalls ein Generationenvertrag sind, der nicht funktioniert, wenn nicht genügend Kinder da sind. Wir müssen daher auch bei der Kranken- und Pflegeversicherung das garantierte Leistungsniveau zurückfahren und die Ausgabenstruktur reformieren. Und das wird schmerzhaft.

IHK-Magazin: Kann man das Problem der fehlenden Beitragszahler nicht durch verstärkte Zuwanderung lösen?

Raffelhüschen: Nein. Woher sollen die kommen? Die meisten Länder der Welt haben das gleiche Problem. Manche Länder leiden unter dem demografischen Wandel sogar noch stärker.

IHK-Magazin: Gibt es Länder, die den demografischen Wandel besser bewältigen, als Deutschland?

Raffelhüschen: Grundsätzlich bewegen sich alle Länder in die gleiche Richtung. Wir haben überall eine Entwicklung weg von den umlagefinanzierten Generationenverträgen hin zu zur kapitalgedeckten Privatvorsorge. In Deutschland hat diese Entwicklung erst vor kurzem begonnen. Da hätten wir in der Tat schon etwas früher starten müssen: vor 10 oder 15 Jahren. Dieser zögerliche Start bedeutet den Verlust einer Menge Zinsen und Zinseszinsen. Das rächt sich jetzt. Der späte Einstieg in den Systemwechsel erzwingt ein besonders hartes Gegensteuern.

IHK-Magazin: Das Schlagwort Familie hat derzeit wieder Konjunktur in der politischen Debatte. Kommt diese Einsicht nicht zu spät?

Raffelhüschen: Über Familienpolitik nachzudenken ist wichtig. Denn es sind Familien, die am schärfsten von Armut bedroht sind. In den Medien wird häufig ein völlig falsches Bild dargestellt: Soziale Ungleichheit trifft heute weniger die Alten. Nie ging es deutschen Rentnern so gut wie heute. Es sind unsere Kinder, die am stärksten von Armut bedroht sind. Das müssen wir ändern.

IHK-Magazin: Das Bundesverfassungsgericht hat schon vor Jahren gefordert: Die Politik müsse dafür sorgen, dass Kinder in Deutschland nicht länger ein Armutsrisiko seien. Warum lässt sich dies so schwer in die Praxis umsetzen?

Raffelhüschen: Das liegt einfach daran, dass das Geld fehlt. Familienpolitik bezahlt man aus dem allgemeinen Steuertopf, aber der ist leer. Und jetzt denkt man darüber nach, Familienpolitik auch aus anderen Töpfen zu finanzieren: aus der Rentenversicherung, aus der Pflegeversicherung. Aber das ist eine dumme Idee. Die Rentenversicherung ist nicht dazu gedacht, umzuverteilen zwischen Leuten mit und ohne Kindern. Für diesen Zweck sind diese Systeme nicht angelegt. Wir sollten daher den Schritt wagen in die Steuerfinanzierung familienpolitischer Leistung. Allerdings gebe ich zu bedenken: Geld allein macht es nicht. In Deutschland betreiben wir rein monetär Familienförderung auf einem unglaublich hohen Niveau. Wir geben mehr Geld für Familien aus als die meisten anderen Länder der Welt. Allerdings ist das Ganze nicht sehr zielgenau. Wir reden von Familienförderung und machen beispielsweise in der Steuerpolitik Ehegatten-Splitting. Das hat viel mit Ehegatten, aber nicht zwangsläufig auch etwas mit Familie zu tun. Wir hätten schon viel erreicht, wenn wir die Zielgenauigkeit der Familienförderung erhöhen würden.

IHK-Magazin: Deutschland muss familienfreundlicher werden. Darüber besteht Konsens. Welche Rolle können da Unternehmer spielen? Stehen die Anforderungen des Berufslebens nicht immer stärker im Widerspruch zum Kinderwunsch?

Raffelhüschen: Das hört man tatsächlich immer wieder: Kinder sind hinderlich, Kinder habe ich nur, wenn ich einen festen Job habe, Kinder bekomme ich nur, wenn ich so und so viel verdiene. Ich frag mich dann immer: Wenn diese Argumentation richtig ist - wieso haben wir dann den Pillenknick ausgerechnet im reichsten aller Deutschlands bekommen? Und wieso haben die Deutschen dann in wirtschaftlich schlechten Zeiten so viele Kinder bekommen? Ich glaube, der entscheidende Grund für den Geburtenrückgang liegt darin, dass Frauen, wenn sie Kinder bekommen, auf einiges im Leben verzichten müssen. Dazu sind offenbar viele nicht mehr bereit. Wir müssen aber auch ernsthaft darüber nachdenken, wie man den Wunsch vieler Frauen nach der Verbindung von Job und Karriere in der Praxis auch erfüllen kann. Hier gibt es deutliche Unterschiede zwischen Deutschland und Ländern wie Frankreich und Schweden. Gerade das Beispiel Skandinavien zeigt: Schafft man die institutionellen Rahmenbedingungen für die Beschäftigung von Müttern, nutzen die Frauen diese Chancen auch. Und die Kinder sind da.

IHK-Magazin: Frankreich gilt als ausgesprochen familienfreundlich. Akzeptieren Franzosen eher als Deutsche, dass Mütter arbeiten gehen?

Raffelhüschen: Mit gesellschaftlicher Akzeptanz hat das wenig zu tun. Bei den in Frankreich üblichen Konsumgewohnheiten braucht man einfach zwei Gehälter, um über die Runden zu kommen. Im übrigen zeigt sich Frankreich bei der Familienförderung gar nicht so spendabel. Deutschland gibt mehr für die Familien aus. Der entscheidende Punkt ist: Die Franzosen geben ihr Geld sehr viel zielgenauer aus, für Vollzeitkindergarten und Ganztagesschulen, die berufstätige Mütter wirklich entlasten. Das gleiche machen auch die Skandinavier. Aber noch mal: Wichtiger als das Geld ist der Unterschied im Alltagsleben. Es fällt Frauen in Frankreich, in Schweden und Norwegen sehr viel leichter ihre Kinder in den Alltag einzubauen als in Deutschland. Wenn sie als Mutter in Skandinavien keine Kinderbetreuung bekommen, ist es überhaupt kein Problem, das Kind mit ins Büro zu nehmen und nötigenfalls auch auf dem Schreibtisch zu wickeln. Das geht da ohne weiteres. Kein Mensch würde sich darüber mokieren. In Deutschland habe ich so etwas noch nicht erlebt. Wir müssen den Alltag so gestalten, dass Kinder kein störendes Element mehr sind.

IHK-Magazin: Ist das ein Appell an die Chefs in Deutschland?

Raffelhüschen: Das ist ein Appell an uns alle. Wir müssen die Kinder in unser Leben einbauen. Wir Deutsche haben das einfach vergessen. Dabei sind Kinder eine fantastische Bereicherung unseres Alltags. Realistisch betrachtet, haben wir keine Alternative. Ein Land ohne Kinder ist nicht dynamisch. Wir haben unser gesellschaftliches Ziel erst erreicht, wenn die Kommandantin eines deutschen U-Bootes ihre Tochter mit an Bord nimmt und wickelt, weil gerade ihre Kinderbetreuung ausgefallen ist.

IHK-Magazin: Was halten Sie denn von aktuellen Forderungen nach mehr finanziellen Hilfen für Familien?

Raffelhüschen: Das würde ich begrüßen, wenn wir uns das noch leisten könnten. Politikern und Bürgern fällt es immer leicht, mehr Ausgaben zu fordern. Aber woher sollen wir das Geld nehmen? Uns noch höher verschulden? Geht nicht. Eine Familienförderung über die Rentenversicherung ist unsystematisch und ökonomisch schlicht falsch.

IHK-Magazin: Sind flexiblere Arbeitszeiten ein wirksames Mittel, um Familien zu fördern?

Raffelhüschen: Das ist sicher richtig. Aber flexible Arbeitszeiten bewirkt man nicht von oben, in dem man neue Gesetze und Vorschriften erlässt. Was wir brauchen ist eine Umgestaltung des betrieblichen Alltags. Und, was meist vergessen wird, parallel hierzu müssen wir unser pädagogisches Betreuungssystem flexibler gestalten. Wenn die Mutter länger im Büro braucht, muss ein Anruf im Kindergarten genügen: „Ich hole den Kleinen heute eine halbe Stunde später.“ Familienfreundliche Strukturen haben auf der anderen Seite auch ihren Preis. Es entwickeln sich leicht überpädagogisierte Systeme und Abhängigkeiten. In Skandinavien gehört der Ausdruck „Pädagoge“ heute zu einem der schlimmsten Schimpfworte.

IHK-Magazin: Demografischer Wandel bedeutet für die Unternehmen schon bald chronischen Fachkräftemangel. Wie sollen wir dieses Problem lösen?

Raffelhüschen: Da hilft nur eine Verbindung folgender Elemente: geregelte Zuwanderung und die gezielte Mehrbeschäftigung älterer Mitarbeiter und Mütter. Und natürlich brauchen wir jetzt auch mehr Kinder. Nicht um die derzeitige Notlage der Sozialsysteme zu beenden - denn dafür ist es schon zu spät. Sondern, weil wir sie in 15, 20 Jahren dringend als Nachwuchskräfte für die Betriebe brauchen.

Das Interview führte Martin Armbruster


ZUR PERSON
Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen, geboren 1957, verheiratet, drei Kinder, ist Professor für Finanzwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und Professor an der Universität Bergen in Norwegen. Er ist Mitglied vieler internationaler Forschungsprojekte und arbeitete mit an den Reformvorschlägen der Rürup-Kommission.

IHK-Magazin 2/2004