Unsicherheit in der Wirtschaft nimmt zu
Trotz trüber Aussichten bleibt Beschäftigung in Bayern stabil
Noch sind die Auftragsbücher voll, die Kapazitäten ausgelastet und die bayerischen Unternehmen mit ihrer Situation zufrieden. Doch die Euphorie schwindet und das Vertrauen in einen anhaltenden Aufschwung ist bei allen Branchen verflogen. Die Unternehmen befürchten, dass In- und Auslandsnachfrage nachlassen. Sie haben ihre Erwartungen deutlich zurückgeschraubt und treten auf die Investitionsbremse. Das ergab die aktuelle Konjunkturumfrage des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages (BIHK) unter mehr als 3.800 Unternehmen. „Das Wachstum in Bayern wird sich damit deutlich abschwächen“, sagt BIHK-Hauptgeschäftsführer Peter Driessen. Erfreulich sei dagegen, dass die Unternehmen ihre Beschäftigungspläne kaum nach unten angepasst haben. Damit dürfte die Arbeitslosigkeit in Bayern erst einmal niedrig bleiben.
Der BIHK-Konjunkturindex, der Geschäftslage und Geschäftserwartungen in einem Wert zusammenfasst, ist von seinem bisherigen Höchststand im Frühjahr von 136 Punkten auf 125 Punkte deutlich gesunken. Er liegt damit aber immer noch über dem langjährigen Durchschnitt von 106 Punkten.
Aktuell bezeichnen 51 Prozent der Unternehmen ihre Situation als „gut“ und nur 7 Prozent als „schlecht“. Doch für die kommenden Monate sind die Unternehmen skeptisch. Der Saldo der Geschäftserwartungen ist von 28 auf 8 Punkte eingebrochen. Die Zurückhaltung zeigt sich bereits bei den Investitionsplänen. Nur noch 28 Prozent, nach 41 Prozent im Frühjahr, wollen die Budgets ausweiten.
Im Vergleich dazu bleiben die Beschäftigungserwartungen stabil. Trotz der gedämpften Aussichten planen 18 Prozent zusätzliche Stellen, 72 Prozent wollen ihr Personal halten. „Damit steht bei rund 90 Prozent der bayerischen Unternehmen ein Arbeitsplatzabbau nicht auf der Tagesordnung“, sagt Driessen.
In der Industrie macht sich Ernüchterung breit. Während die aktuelle Lage per Saldo mit 48 Punkten nur knapp unter der Rekordmarke vom Frühjahr (51 Punkte) liegt, ist der Saldo bei den Geschäftserwartungen von 29 auf 5 Punkte eingebrochen. Die Unternehmen rechnen mit deutlich weniger Aufträgen vor allem aus dem Ausland. Besonders betroffen sind die Absatzmärkte Nordamerika und das europäische Ausland. Entsprechend hat die Industrie ihre Investitionspläne zurückgefahren und plant weniger Neueinstellungen.
Die Dienstleister haben in den vergangenen Monaten vom Boom in der Industrie profitiert. Steigende Umsätze haben die Auslastung der Branche seit Frühjahr weiter verbessert. Doch die gute Stimmung ist bei den Dienstleistern auf dem Rückzug. Der Saldo der Geschäftserwartungen ist von 29 auf 13 Punkte zurückgegangen. Die Unternehmen rechnen in den kommenden Monaten mit Umsatzeinbußen und wollen die Investitionsausgaben drosseln. Ihre Personalplanungen haben sie jedoch nur moderat gesenkt: So beabsichtigen 23 Prozent, Mitarbeiter einzustellen und nur 9 Prozent wollen Stellen streichen.
Auch der Aufschwung in der Baubranche erhält einen Dämpfer. Während die Unternehmen derzeit so zufrieden sind wie seit 20 Jahren nicht mehr, befürchten sie für die Zukunft spürbare Auftragseinbußen. Der Saldo der Geschäftserwartungen ist, auch jahreszeitlich bedingt, von 20 Punkte auf -7 Punkte abgestürzt. Das schlägt sich bereits in den Beschäftigungsplänen nieder, die ebenfalls deutlich zurückgefahren wurden.
Dem allgemeinen Stimmungsumschwung können sich weder Einzelhändler noch Großhändler entziehen. Sie stellen sich auf weniger Umsätze ein. Während der Einzelhandel seine Investitionen aber nur leicht reduzieren will, haben die Großhändler ihre Pläne deutlich zurückgeschraubt. Besonders vorsichtig sind die auf den Handel mit Rohstoffen und Investitionsgüter spezialisierten Unternehmen. Sie befürchten Einbußen sowohl beim Inlands- als auch beim Auslandsgeschäft.
„Die Unternehmen haben noch sehr deutlich die Finanz- und Bankenkrise im Zuge der Lehman-Pleite vor Augen“, sieht der BIHK-Chef eine Ursache für das vorsichtige Agieren der Wirtschaft. Die Unsicherheit zeigt sich ebenso in der Risikobewertung. Stuften die Unternehmen noch im Frühjahr die steigenden Energie- und Rohstoffpreise als größte Gefahr für die weitere Entwicklung ein, rangiert jetzt die Angst vor einem Einbruch der Nachfrage ganz oben. „Wir müssen aufpassen, dass nicht schon allein die negative Erwartungshaltung eine Abwärtsspirale in Gang setzt“, warnt Driessen.
