Chancengleichheit - So sehen SIEgER aus

Unternehmen, die für Chancengerechtigkeit und familienbewusste Personalpolitik sorgen, sichern sich kreatives und flexibles Personal und damit eine solide Basis für den Geschäftserfolg.

 

 

Trotz einer bevorstehenden Reise nimmt sich Gerlinde Bitto-Khalili genügend Zeit, um zu erklären, weshalb ihrem Arbeitgeber gleiche Chancen für Männer und Frauen so wichtig sind: „Gelebte Chancengleichheit ist eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg eines global agierenden Unternehmens. Der Schlüssel hierfür ist, das Potential von Frauen zu erkennen und sichtbar zu machen.“ Man merkt ihr als Director Diversity Management bei Infineon die Begeisterung für das Thema an. Sie hat alle Fakten schnell und präzise bei der Hand: Der Anteil von Frauen in Führungspositionen beispielsweise soll sich von heute elf Prozent auf 15 bis 2015 und 20 Prozent bis 2020 erhöhen. Weil gemischte Teams innovativer sind und Chancengleichheit „einen echten Wettbewerbsvorteil bringt“, wird sie kräftig gefördert: Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch flexible Arbeitszeiten, Erweiterung des Betriebskindergartens, Mentoring-, Coaching- und Netzwerkprogramme, Führungskräfteseminare sowie gleiche Gehälter für Männer und Frauen. Dank dieser Maßnahmen, die durch neue Ziele im Audit „berufundfamilie“ noch erweitert werden, hat Infineon es unter die Finalisten in Oberbayern im SIEgER-Wettbewerb geschafft. „Ein Aufmerksamkeitsgewinn nach innen und außen“ nennt Bitto-Khalili den neu konzipierten Preis für Chancengerechtigkeit des bayerischen Familienministeriums.

47 Unternehmen aus ganz Bayern haben sich beworben, darunter viele Mittelständler. Die Palette der Maßnahmen reicht von innovativen Arbeitszeitmodellen über Projekte zur „geschlechtsuntypischen“ Berufswahl von Mädchen und Jungen bis hin zu Mentoring- und Frauenförderprogrammen. „Sie haben die Zeichen der Zeit erkannt“, lobt Familienministerin Christine Haderthauer die engagierten Betriebe bei der Preisverleihung im Juli. Wettbewerbe wie SIEgER seien ein gutes Signal, „um die Rollenklischees aus den Köpfen zu bekommen“, ist Susanne Ihsen überzeugt, Professorin für Gender Studies in Ingenieurwissenschaften an der TU München. Denn der erste deutsche Gleichstellungsbericht der Fraunhofer-Gesellschaft klingt wenig optimistisch: Das stereotype Frauen- und Familienbild erschwere nach wie vor weibliche Erwerbseinstiege und Karrierechancen – „eine volkswirtschaftlich bedenkliche Vergeudung von Ressourcen“, so die Wissenschaftler. Dazu passt eine Untersuchung des Institutes für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) 2009: Nur jeder zehnte Betrieb fördert die Gleichstellung – ein konstant niedriges Niveau seit

der 2001 unterzeichneten Vereinbarung zur Förderung der Chancengleichheit in der Privatwirtschaft.

Die Münchner ConSol Software GmbH hat für ihre Mitarbeiter- und Familienorientierung schon viele Preise eingeheimst und kam deshalb ebenfalls unter die oberbayerischen SIEgER-Finalisten. „Das Thema passt in unsere faire und demokratische Firmenphilosophie und ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit“, betont Andrea Stellwag, eine der vier Geschäftsführer des IT-Spezialisten, bei dem im Laufe dieses Geschäftsjahres neun Väter in Elternzeit gehen. Firmengründer Ulrich Schwanengel weiß die Vorteile chancengerechter Personalpolitik längst zu schätzen. Denn sie wirkt sich direkt auf die Mitarbeiterzufriedenheit und somit auf den Erfolg des Unternehmens aus: „Wenn Arbeitsumfeld und Work-Life-Balance stimmen, erbringen Mitarbeiter Höchstleistungen“.

 

Harriet Austen

 

 

„Wir haben uns viel abverlangt“

 

Bayern-„SIEgER“in Sissi Closs erklärt, wie sie mit flexiblen Arbeitszeitmodellen zur

Vorkämpferin für die Gleichstellung der Frau im Job geworden ist.

 

Bayerns Staatsministerin Haderthauer war zufrieden: 47 Unternehmen aus ganz Bayern hatten sich für den Wettbewerb „SIEgER“ beworben. Gesucht wurden Betriebe, die sich vorbildlich für die Gleichstellung der Frau im Berufsleben engagieren. Am vergangenen 18. Juli zeichnete die Familienministerin im Rahmen eines Staatsempfangs in der Münchner Residenz die Gewinner der diesjährigen Wettbewerbsrunde aus. „Sie haben die Zeichen der Zeit erkannt“, lobte die Familienministerin die Preisträger. In Oberbayerns Wirtschaft fungieren demnach Münchner Unternehmen der IT-Branche als Trendsetter. So zählte die Infineon AG zum Kreis der oberbayerischen Finalisten. Gerlinde Bitto- Khalili, bei Infineon Director Diversitiy Management, sieht in „gelebter Chancengleichheit“ einen Schlüssel zu mehr Wettbewerbsfähigkeit. Und ihr Konzern tut einiges dafür: Steigerung des Anteils von Frauen in Führungspositionen von heute 11 auf 20 Prozent bis 2020, flexible Arbeitszeit, Erweiterung des Betriebskindergartens, gleiche Bezahlung von Mann und Frau sowie Chancengleichheit auch bei Führungskräfte- und Weiterbildungsseminaren. Mit der Münchner ConSol Software GmbH schaffte es ein Dauerpreisträger in Sachen Mitarbeiter- und Familienorientierung in die Finalrunde. Firmengründer Ulrich Schwanengel hält die Gleichstellung für eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. „Wenn Arbeitsumfeld und Work-Life-Balance stimmen, erbringen Mitarbeiter Höchstleistungen“, sagt Schwanengel. Sissi Closs, Geschäftsführerin der Comet Computer GmbH, räumte bei dem Wettbewerb gleich zwei Titel ab – Comet wurde Regional-SIEgER Oberbayern und einer der drei Bayern-SIEgER 2011.

 

Im Interview mit dem IHK-Magazin erklärt Closs die Gründe ihres Doppelerfolgs:

 

Glückwunsch, Frau Professor Closs. Wie haben Sie es geschafft, die Jury so zu überzeugen?

Wir haben schon bei der Gründung von Comet Computer 1987 flexible Arbeitszeiten eingeführt und seitdem die familienfreundliche Unternehmenskultur kontinuierlich ausgebaut. Deshalb gelten wir als Vorreiter in Sachen Chancengleichheit und werden von großen und kleinen Firmen um Rat gefragt. Das zu erreichen, war und ist nicht einfach. Wir haben uns viel abverlangt.

 

Worin liegen die Schwierigkeiten? Variable Arbeitszeiten muss man organisatorisch erst einmal in den Griff bekommen und den Informationsfluss aufrechterhalten. Teamfähigkeit, Projektarbeit, Flexibilität, Selbständigkeit – solche Denk- und Arbeitsweisen werden weder in der Schule noch im Studium trainiert. Deshalb bilden wir uns selbst weiter und schicken unsere Mitarbeiter regelmäßig zu Seminaren. Außerdem sitzen die tradierten Rollen noch tief. Eine Frau als Chefin, der bewusste Verzicht auf Statussymbole, Väter in Elternzeit, das sind manche nicht gewohnt.

 

Prüfen Sie bei Neueinstellungen, ob der Mitarbeiter zu Ihrer Unternehmenskultur passt? Ja, das ist ein Schwerpunkt bei den Einstellungsgesprächen und auch ein Magnet. Wir haben aufgrund unserer familienfreundlichen Strukturen sehr gute Leute gefunden, die sonst nicht zu uns gekommen wären. Aber wir brauchen im Grunde qualifizierte Fachleute. Es kommt vor, dass wir jemand nehmen, dem unsere Arbeitsweise fremd ist, der sich dann aber gut bei uns einlebt.

 

 Was verstehen Sie unter Chancengleichheit? Für mich spielt es keine Rolle, ob jemand männlich oder weiblich ist, jung oder alt, deutsch oder ausländisch, Teilzeit oder Vollzeit arbeitet. Im Vordergrund steht, wie sich jeder einbringt, sein Projekt abwickelt, Verantwortung übernimmt.

 

Sie bauen auf individuell geregelte Arbeitszeitvarianten. Was ist alles möglich? So ziemlich alles, von acht Stunden in der Woche über temporäre Einsätze bis hin zur vollzeitnahen Teilzeit und Telearbeit. Ich nehme alle Notlagen ernst: Doktorarbeit schreiben, Kinder erziehen, Eltern pflegen. Die Flexibilität kommt nicht nur unseren Mitarbeitern entgegen, die Kinder haben. Das nützt auch unseren Kunden. Wir reagieren schnell, flexibel und professionell auf neue Aufträge und Anforderungen.

 

Sind Unternehmen mit chancengerechter Personalpolitik auch wirtschaftlich erfolgreicher?

 

Wie gesagt: Unser Erfolg ist auch Folge unsere unkonventionellen Arbeitskultur. Wir können Auftragsschwankungen leichter ausgleichen und Krisen besser überstehen. Mit familien- oder frauenfreundlichen Maßnahmen alleine ist es aber nicht getan. Genauso wichtig sind interne Strukturen, um die Maßnahmen intelligent umzusetzen. Bei uns gewährleistet zum Beispiel eine Kommunikationszentrale die reibungslose Zusammenarbeit trotz unterschiedlicher Arbeitszeiten. Flache Hierarchien führen zu kurzen Verwaltungswegen. Die drei Führungsebenen leiten keine Abteilungen, sondern themenbezogene Felder mit wechselnden Leuten. Ansonsten haben wir ausschließlich temporäre Leitungsfunktionen, die sich im und nach dem Projekt ändern können und sich hervorragend für Teilzeitbeschäftigte eignen. Das alles ist nicht von heute auf morgen zu etablieren.

 

Harriet Austen

 

 

Wirtschaft – Das IHK-Magazin für München und Oberbayern – 09/2011

 


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