Truma Gerätetechnik GmbH & Co. KG - "Uns ging es ja immer gut"
Renate Schimmer-Wottrich ist gleichzeitig zurückhaltend und sehr bestimmt. Die Unternehmerin aus Putzbrunn macht zwar heute nicht mehr Urlaub im VW-Bus, aber unter kälteempfindlichen Wohnwagenbesitzern ist ihre Firma nach wie vor bekannt.
Wer würde heute sein Startup-Unternehmen nach einem Politiker benennen, gar nach einem amerikanischen Präsidenten? Im Nachkriegsdeutschland konnte man solche Einfälle noch haben. Der gebürtige Münchner Philipp Kreis, 15 Jahre Soldat des Deutschen Reichs, dann selbst ernannter Sprachlehrer, schließlich Hersteller einfacher
Gaslampen, gab seiner Firma 1949 den Namen Truma - nach dem damaligen US-Präsidenten Harry Truman.
Bei Kreiss war es laut Firmenchronik reine Dankbarkeit dafür, dass Truman auf eine komplette Aufteilung Deutschlands verzichtete, die Gründung der Bundesrepublik ermöglichte und mit dem Marshall-Plan die Reindustrialisierung des Landes einleitete.
Kreiss sah damit den Grundstein für einen Neuaufbau gelegt. Er, der Kriegsheimkehrer und junge Vater, der im Haus der Schwiegereltern in Haidhausen aus der Not heraus Englisch unterrichtete und mangels elektrischer Beleuchtung improvisierte Gaslampen bastelte, sollte vom bald einsetzenden Wirtschaftswunder tatsächlich profitieren: zunächst mit selbst konstruierten Lampen und Ventilen, dann mit Gasheizungen für Lastwagen, schließlich mit Heiz- und Klimasystemen für Wohnwagen.
Heute ist das Unternehmen, das seinen Umsatz auf 100 Millionen Euro beziffert und einen kostspieligen Kundendienst unterhält, eine bekannte Marke in der Camping-Welt. Die Heizungen machen noch immer rund 50 Prozent vom Geschäft aus. Aber Truma hat überdies Rangiersysteme, Warmwassergeräte und Stromerzeuger für die Caravans im Angebot. Neben klassischen Batterien will es zur Stromerzeugung in Kürze auch eine gasbetriebene Brennstoffzelle marktfähig haben.
Da müssen aber jetzt die Jungen ran, vielleicht sogar der 28 Jahre alte Gründerenkel, der gerade noch bei Hilti in Liechtenstein arbeitet und die "Nachfolge aktiv plant", wie es von Seiten seiner Mutter heißt. Auch eine ihrer drei Töchter aus erster Ehe arbeitet im Unternehmen mit, wolle aber nicht an die Spitze, heißt es.
Die zweite Familiengeneration nach dem Gründer Kreiss hat ihre Pflicht schon erfüllt. Als einzige Tochter ist Renate Schimmer-Wottrich 1968 gleich nach dem Betriebswirtschaftsstudium ins Unternehmen eingetreten, hat dem Vater 20 Jahre lang zugearbeitet, wurde 1988 geschäftsführende Gesellschafterin. Nach wieder 20 Jahren hat sie sich 2008 pünktlich mit Erreichen der Altergrenze von der Spitze der Geschäftsführung zurückgezogen und leitet jetzt den Beirat.
Der Zeitpunkt des Rückzugs war prekär: "Kaum war ich zwei Monate nicht mehr im Amt, brach die Finanzkrise aus", erzählt Frau Schimmer-Wottrich. Zwar hatte sie das Unternehmen durch Zukäufe in Großbritannien und Schweden breiter aufgestellt, Auslandsgesellschaften gegründet, eine Repräsentanz in China eröffnet. Auch waren seit 1996 ein Geschäftsführer (Gerd Fricke, 50Jahre) und ein Prokurist (Robert Strauß, 48) mit der operativen Führung der Truma betraut und stellten nun die Geschäftsführung.
Doch die Inhaberin, die eigentlich hatte reisen und ihre Enkel verwöhnen wollen, kam nun wieder öfter ins Büro. 40 Prozent Umsatzeinbruch, Kurzarbeit, notleidende Kunden auf der Seite der Caravan-Hersteller, massiver Preisdruck in der Branche - das forderte eine Reaktion der Unternehmerin. Sie ist stolz, dass es ohne Stellenabbau gegangen ist, aber sie räumt ein, dass das alte Umsatzniveau von vor der Krise noch nicht wieder erreicht ist.
Jetzt müssen die Innovationen noch schneller kommen, müssen hemmende Schnittstellen im Unternehmen beseitigt werden, weshalb gerade die gesamte Unternehmensorganisation auf den Kopf gestellt wurde: Eine Struktur, die sich nicht an den Abteilungen im Unternehmen sondern ganz an den Produktgruppen orientiert, soll es richten. Dafür leistet man sich sogar einen externen Berater.
Frau Schimmer-Wottrich beruhigt: "Wir können eine Zeitlang ohne Wachstum leben". Die Mitarbeiter sollen weiter mit Freude ihrer Arbeit nachgehen. Sie beteiligt sie am Gewinn, aber nicht am Verlust ("den haben wir sowieso noch nie gehabt"). Sie selbst habe immer wenig Geld aus der Firma genommen, das meiste reinvestiert: "Uns ging es auch so immer gut". Ja, sie verschenkte sogar noch Geld an Einrichtungen für hilfsbedürftige Kinder und Jugendliche oder neuerdings an ihre eigene wohltätige Stiftung.
Die Atmosphäre in der Firma wird allenthalben gelobt. Geschäftsführer Fricke, promovierter Maschinenbauer, spricht von einer Kultur der gegenseitigen Achtung und des Vertrauens. Sein Kollege Strauß, der es bei Truma in 32 Jahren vom Lehrling zum Geschäftsführer gebracht hat, sieht in der Firma seine berufliche Heimat und schwärmt von den langen Betriebszugehörigkeiten der Mitarbeiter: Gerade gehe er wieder von einer 40-Jahr-Feier zur nächsten.
Gewerkschaft, Betriebsrat? Bei Truma nicht vorhanden. Das Unternehmen ist in keinem Arbeitgeberverband, die Inhaberin auch sonst in keinerlei Gremien engagiert: "Ich hatte die Firma und meine Familie, für mehr war keine Zeit".
Tatsächlich hatte sie es schon mit dieser Kombination besonders schwer. Ihr erster Mann Helmut Schimmer war ein Physiker und begeisterter Sportler, mit dem sie per VW-Bus plus Truma-Heizung zum Kajakfahren aufbrach. Der Tüftler und Bastler wurde sogar technischer Leiter bei Truma, doch schon 1979 kam er bei einem Lawinenunglück ums Leben. Die Witwe zog ihre drei kleinen Töchter zunächst alleine auf - mit Hilfe einer Haushälterin. Bald wurde aber wieder geheiratet und 1983 ein Sohn geboren.
Mit allen vier Kindern habe sie eine Charta erarbeitet, sagt Frau Schimmer-Wottrich. Sie hätten das Verhältnis der Familie zum Unternehmen schriftlich fixiert, einen regelmäßigen Familientag ins Leben gerufen und einen Beirat, in dem sie selbst, ihr Sohn und die im Unternehmen tätige Tochter sowie ein ehemaliger Geschäftsführer vertreten sind. Mit der Übergabe der des Managements an externe Geschäftsführer habe sie mit Blick auf die Nachfolge in der Familie "den Druck rausgenommen", sagt Schimmer-Wottrich.
"Ich selber stand ja damals unter diesem Druck", erzählt die Unternehmerin, die schon im Alter von sechs Jahren in der Küche des großelterlichen Hauses Dichtungspaste für die Gaslampen anrührte: "Ich habe immer mitgearbeitet. Es war klar, dass ich in die Firma eintreten würde".
Dass sie ihren Wunschstudiengang "Maschinenbau" damals nach zwei Semestern abgebrochen hat, war aber nicht der Firma geschuldet. "Ich war die einzige Frau im Hörsaal. Um mich herum waren alle Plätze frei, und ich wurde unentwegt mit Papierfliegern beschossen. Das war sehr unangenehm". Sie wechselte dann zu den Betriebswirten.
Als Führungskraft habe sie einen anderen Stil gepflegt als ihr 1994 verstorbener Vater, der wohl ein Achtung gebietender Patriarch war, zwar fürsorglich und allseits interessiert, aber doch stets die letzte Instanz für jede Entscheidung. Seine Tochter hat sich mit ihm zwar immer gut verstanden, wie sie versichert. Sie hat es als Chefin dann aber vorgezogen, einen Führungskreis um sich aufzubauen, dessen Mitglieder selbst entscheiden und Verantwortung übernehmen mussten.
Ein freundlicher Umgangston ist ihr wichtig und eine Haltung, die jedem Mitarbeiter Respekt zollt. Man grüßt sich, man treibt Sport miteinander, man feiert, man darf einmal im Jahr die Familie mit in die Firma bringen.
www. truma.com
Cornelia Knust
Wirtschaft – Das IHK-Magazin für München und Oberbayern – 1/2012
